Die Fahrt über das Wolkenmeer
Rasmus drehte das Steuerrad nach Süden, und die Windschwalbe fiel in den schnellen Strom.
Leni spürte den Ruck bis in die Zähne. Das Schiff neigte sich, das blaue Segel füllte sich mit einem Knall, und Windhafen schoss hinter ihnen davon. Der Südstrom war keine sichtbare Straße. Er war ein breites Band aus warmer Luft, das zwischen den Inseln hindurchfloss. Wer es richtig traf, reiste dreimal schneller als auf gewöhnlichem Wind. Wer es falsch traf, wurde ebenso schnell irgendwohin getragen, wo er nie hatte hinwollen.
Jaro klammerte sich mit einer Hand an die Reling und hielt mit der anderen seine Karte fest. „Zwei Grad weiter links!“ rief er.
„Bei ruhigem Wetter vielleicht“, antwortete Rasmus. „Heute drückt der Nordbogen.“
Enna kniete am Fuß des Mastes. Sie hatte eine Klappe geöffnet und lauschte dem Zittern der Spannseile. „Das vordere Lager singt zu hoch.“
„Ein Lager singt nicht“, sagte Jaro.
„Dann beschwert es sich eben musikalisch.“ Enna zog einen Schlüssel aus der Tasche und drehte eine Schraube nach. Das Zittern wurde tiefer.
Leni stand am Bug. Der Wolkenkompass zeigte nach Süden, doch seine Nadel hüpfte. Unter ihnen öffnete sich das Wolkenmeer. Sonnenlicht fiel in tiefe Schluchten aus Weiß und Gold. Für einen Augenblick vergaß Leni die dunkle Morgenlaterne und die driftenden Inseln. So weit war sie noch nie von Windhafen entfernt gewesen.
Dann sah sie die Sturmwand.
Sie lag quer über dem Horizont wie eine dunkelgraue Mauer. In ihr zuckten helle Blitze. Kleine Wolkenfetzen rasten voraus, als wollten sie jedes Schiff warnen.
„Der Sturm sollte erst am Abend kommen“, sagte Jaro.
Rasmus blickte auf den Kompass am Steuerrad. „Die Windlinien sind aus dem Takt. Wetter hält sich dann an keinen Fahrplan.“
Hinter ihnen ertönte ein Horn.
Ein kleines Postschiff kam aus einer Seitenströmung. Sein gelbes Segel war eingerissen. Zwei Menschen versuchten, es zu bergen, während das Schiff gefährlich zur Seite kippte. Am Heck blinkte ein rotes Notsignal.
„Sie verlieren den Strom“, sagte Leni.
Rasmus sah zum Sturm und dann zum Postschiff. „Wenn wir umkehren, erreichen wir Segelmarkt nicht vor der ersten Gewitterkante.“
„Wenn wir nicht umkehren, erreicht das Postschiff gar nichts“, sagte Leni.
Der Kapitän lächelte kurz. „Dann weißt du, warum eine Route nie nur aus Geschwindigkeit besteht.“
Er riss das Rad herum. Die Windschwalbe stellte sich quer zum Strom. Das Deck kippte so stark, dass Leni auf den Knien landete. Jaro kroch zum hinteren Tau. Enna schloss die Wartungsklappe und warf sich auf die andere Seite, um das Schiff auszubalancieren.
„Leine bereit!“ rief Rasmus.
Leni nahm das Wurfseil. Sie hatte im Hafen hundertmal geübt, einen Pfahl zu treffen. Ein taumelndes Schiff war kein Pfahl. Beim ersten Wurf flog die Leine zu kurz. Beim zweiten peitschte der Wind sie zurück. Das Postschiff sank bereits unter den Rand des Luftstroms.
„Noch einmal“, sagte Jaro. Er wickelte ein Ende seiner Messschnur um das Wurfseil. „Der Wind läuft in Wellen. Ich zähle.“
Enna hielt den kupfernen Trichter hoch. „Drei starke Stöße, dann eine Pause!“
Jaro beobachtete die flatternden Fäden. „Eins, zwei, drei – jetzt!“
Leni warf. Das Seil flog durch die kurze Windpause und landete auf dem Postdeck. Eine Frau fing es. Gemeinsam zogen beide Besatzungen die Schiffe nebeneinander. Rasmus brachte eine Klammer an, und Enna kroch ohne Erlaubnis auf den gebrochenen Segelbaum.
„Der Bolzen ist weg“, rief sie. „Ich brauche etwas Langes, Hartes und nicht zu wichtiges!“
Jaro sah seine Bleistifte an. „Wie lang?“
„Dein bester.“
Er schloss kurz die Augen und reichte ihn hinauf. Enna schob den Bleistift durch die Halterung, sicherte ihn mit Draht und grinste. „Jetzt ist er ein berühmter Bleistift.“
Die Postfrau stellte sich als Mara Wolkenpost vor. In ihrer Tasche trug sie Nachrichten aus Lumera. „Die Herzinsel sinkt schneller“, berichtete sie. „Magister Grau hält im Herzgarten einen Klangstein offen. Er kann ihn nicht loslassen, ohne die letzte Leitung zu trennen.“
„Warum hat er euch geschickt?“ fragte Leni.
„Er hat uns nicht geschickt. Er wollte niemanden rufen. Der Hüter von Lichterruh hat die Nachricht geschrieben.“ Mara zog eine versiegelte Rolle hervor. „Sie ist für den Inselrat. Grau glaubt noch immer, er könne alles allein zurückdrehen.“
Rasmus nahm die Rolle. „Das klingt nach ihm.“
Mara zeigte auf die Sturmwand. „Der direkte Weg nach Lumera ist geschlossen. Aber der Donnerturm hat gestern von selbst zu leuchten begonnen. Außerdem sammelt sich beim Segelmarkt eine ganze Flotte. Jede Insel versucht, ihre Vorräte in Sicherheit zu bringen.“
Ein Donnerschlag rollte über das Himmelmeer.
Die Schiffe trennten sich. Das Postschiff nahm einen langsameren Seitenstrom nach Windhafen. Die Windschwalbe setzte ihren Weg nach Süden fort. Nun war der Sturm so nah, dass Regentropfen waagerecht über das Deck flogen.
Rasmus befahl allen, Sicherungsleinen anzulegen. Leni hakte ihren Gürtel ein. Jaro knüpfte seinen Knoten zweimal neu. Enna stellte sich breitbeinig an den Mast und hielt den Klangtrichter gegen den Wind.
„Der Sturm hat einen Takt!“ rief sie. „Vier kurze Böen, eine lange!“
„Stürme haben immer einen Takt“, rief Rasmus zurück. „Das Problem ist, dass sie ihn ändern!“
Die erste Welle traf sie. Es war keine Wasserwelle, sondern eine Wand aus Luft. Das Segel bog sich. Die Windschwalbe stieg steil nach oben. Leni hing in ihrer Leine und sah unter ihren Füßen nur Wolken.
„Vier kurz!“ zählte Enna. „Eins! Zwei! Drei! Vier! Jetzt kommt die lange!“
Rasmus öffnete im richtigen Moment das obere Segel. Die lange Böe griff hinein und trug das Schiff statt es umzustoßen. Jaro zeichnete jede Richtungsänderung auf seine Karte. Leni rannte auf Kommando von Steuerbord nach Backbord und löste Leinen, bevor sie sich verknoteten.
Beim dritten Windstoß änderte der Sturm seinen Rhythmus.
„Das war zu früh!“ Enna starrte auf ihr Hörrohr.
Ein Blitz schlug in der Nähe ein. Das Segel leuchtete weiß. Der Mast ruckte. Rasmus wurde gegen das Steuerrad geschleudert und ging zu Boden.
„Kapitän!“
Leni erreichte ihn zuerst. Über seiner Augenbraue war ein Schnitt, und er hielt den linken Arm eng am Körper. „Nur gestoßen“, sagte er. „Das Rad!“
Niemand hielt das Steuerrad. Die Windschwalbe drehte sich quer. Jaro sprang hin und packte zwei Speichen. Das Rad riss ihn beinahe mit. Leni stellte sich neben ihn. Gemeinsam stemmten sie sich dagegen.
„Welche Richtung?“ rief sie.
Jaro blickte auf seine Karte. Regen lief über die Linien. Die eingezeichnete Route stimmte nicht mehr. „Ich weiß es nicht.“
„Dann zeichne eine neue!“
Enna kroch zum Mast und presste den Trichter an das Holz. „Der Donnerschlag kommt jetzt alle sieben Atemzüge. Dazwischen zieht der Strom nach rechts.“
Jaro sah nicht mehr auf die nasse Karte. Er sah auf Ennas flatternde Haare, die Regenfahnen und den Kompass in Lenis Hand. „Beim nächsten Donner drei Speichen links. Danach gerade.“
Sie zählten gemeinsam. Der Donner kam. Leni und Jaro drehten. Die Windschwalbe tauchte zwischen zwei dunklen Wolkentürmen hindurch. Dahinter öffnete sich ein heller Korridor.
Rasmus richtete sich auf. Sein Arm war nicht gebrochen, aber die Schulter schmerzte. Er ließ Leni und Jaro am Rad. „Ihr macht das richtig.“
Es war das erste Mal, dass er ihnen das Steuerrad nicht nur für eine Übung überließ.
Der Sturm lag bald hinter ihnen. Vor ihnen erschien Segelmarkt.
Die Stadt bestand aus Dutzenden Schiffen, Flößen und Plattformen, die mit Brücken verbunden waren. Bunte Segel ragten wie ein Wald in den Himmel. Heute drängten sich viel mehr Fahrzeuge dort als gewöhnlich. Frachter aus Kieselkamm lagen neben Gartenbooten aus dem Osten. Menschen riefen durcheinander. Kisten wurden gestapelt, Taue gespannt, Kinder gesucht und wiedergefunden.
Die Windschwalbe legte an einer freien Plattform an. Eine Heilerin verband Rasmus’ Stirn und legte seinen Arm in eine Schlinge. „Zwei Tage nicht steuern“, befahl sie.
„Unmöglich.“
„Dann drei.“
Währenddessen spannte Jaro seine nasse Karte auf einem Tisch aus. Die Tinte war verlaufen, doch er begann, den Weg aus dem Gedächtnis neu zu zeichnen. Andere Fährleute kamen näher. Sie verglichen seine Linien mit ihren Beobachtungen.
„Hier war heute Morgen ein Gegenstrom“, sagte eine Frau aus Kieselkamm.
„Und hier eine ruhige Rinne“, ergänzte ein Händler.
Bald war Jaros Karte nicht mehr nur seine. Überall standen neue Zeichen und Notizen.
Enna untersuchte eine große Windtrommel auf dem Marktplatz. Sie war bis zum Rand mit gespanntem Wind gefüllt. Jede Insel hatte solche Vorräte für Notfälle mitgebracht.
„Wenn alle etwas abgeben, reicht das vielleicht für die Morgenlaterne“, sagte sie.
„Niemand gibt ab“, antwortete eine Händlerin. „Jede Insel fürchtet, selbst abzusinken.“
Leni verstand das. Windhafen hatte ebenfalls befohlen, den Restwind zu behalten. Wenn jeder nur seine eigene Insel rettete, blieb am Ende vielleicht keine Verbindung übrig.
Der Wolkenkompass zog sie über den Markt. Seine Nadel wies erst auf einen hohen schwarzen Turm außerhalb der Stadt. In dessen Spitze flackerte Licht. Dann drehte sie sich zur versammelten Flotte und leuchtete in allen sieben Farben.
Am Fuß des Turms fanden sie ein Schild: DONNERTURM – BETRETEN BEI GEWITTER STRENG VERBOTEN.
Daneben war mit Kreide geschrieben: Gerade dann funktioniert er.
Enna strich über die Buchstaben. „Graus Schrift.“
Unter dem Satz klemmte eine Metallplatte mit einer Skizze. Der Donnerturm konnte Blitzenergie in gleichmäßigen Wind verwandeln. Eine alte Leitung führte von seiner Spitze bis zur Morgenlaterne. Sie war seit Jahrzehnten nicht benutzt worden.
„Wenn wir den Turm starten, könnten wir Windhafen erreichen“, sagte Enna. „Vielleicht genug, um alle Linien neu zu zünden.“
Jaro sah zu den Gewitterwolken. „Dafür müssten wir während des nächsten Sturms hinauf.“
Zurück auf dem Markt hörten sie eine Glocke. Vertreter der sieben Inseln versammelten sich auf der größten Plattform. Jeder erklärte, warum gerade seine Insel den eigenen Windvorrat behalten müsse. Kieselkamm hatte schwere Steinmühlen. Mooswipfel musste seine Pflanzen retten. Windhafen trug die Morgenlaterne. Lichterruh lag bereits zu tief.
Leni kletterte auf eine Kiste. „Wenn wir die Trommeln verbinden, können wir den Wind teilen!“ rief sie.
Einige hörten zu. Andere schüttelten den Kopf.
„Wer entscheidet, wie viel jede Insel bekommt?“ fragte jemand.
„Was, wenn eine Trommel leer ist und die Laterne trotzdem nicht startet?“
„Was, wenn der Sturm die Schiffe trennt?“
Jaro betrachtete seine neue Karte. „Die Flotte könnte sich in einem Siebeneck um die alte Windlinie stellen. Dann wäre jede Insel gleich weit vom Mittelpunkt entfernt.“
Enna hob den Trichter. „Und die Trommeln könnten im gleichen Takt geöffnet werden. Nicht alles auf einmal. Schlag für Schlag.“
Die Idee wanderte durch die Menge. Manche Menschen begannen sofort zu rechnen. Andere blieben misstrauisch.
Rasmus kam mit verbundenem Arm zu ihnen. „Beide Wege können funktionieren“, sagte er. „Der Donnerturm gibt schnell viel Kraft, aber ihr müsst mitten ins Gewitter. Die Flotte hat genug Wind, aber nur, wenn ihr sieben verängstigte Inselbesatzungen dazu bringt, einander zu vertrauen.“
„Was würdest du wählen?“ fragte Leni.
„Früher den Turm“, sagte Rasmus. „Eine Maschine diskutiert nicht. Heute weiß ich nicht, ob das immer ein Vorteil ist.“
Über dem Donnerturm sammelte sich der nächste Sturm. Ein erster Blitz tastete durch die Wolken. Gleichzeitig wurden auf dem Markt die Windtrommeln zu den Schiffen gerollt. Einige Kapitäne wollten aufbrechen, bevor jemand sie am Wegfahren hinderte.
Der Wolkenkompass zeigte zwei klare Möglichkeiten. Blaues Licht wies zum Turm. Goldenes Licht verband die sieben größten Segel der Flotte.
Leni legte die Hand auf das Zifferblatt. Jaro stand mit seiner Gemeinschaftskarte neben ihr. Enna hielt Werkzeug und Hörrohr bereit. Rasmus konnte sie auf keinem der Wege führen, aber er würde ihnen vertrauen.
Bevor sie wählten, gingen sie noch einmal über die Plattform. Leni half einer Familie aus Kieselkamm, drei schwere Kisten festzuzurren. Darin lagen keine Schätze, sondern Mühlsteine und Säcke mit Korn. Wenn die Insel weiter kippte, brauchten die Menschen beides. Jaro zeigte zwei Fährleuten die ruhige Rinne, die er im Sturm entdeckt hatte. Enna reparierte das Ventil einer Windtrommel, obwohl deren Besitzer vorher am lautesten gegen das Teilen gesprochen hatte.
„Warum hilfst du ihm?“ fragte Leni.
Enna wischte sich Öl von der Nase. „Weil ein klemmendes Ventil nicht vernünftiger wird, nur weil sein Besitzer unvernünftig ist.“
Der Mann hörte das und wurde rot. Dann brachte er ihnen drei warme Teigtaschen. „Für unterwegs“, murmelte er. „Und vielleicht gebe ich einen Trommelschlag ab. Einen kleinen.“
Auf der anderen Seite des Marktes stand eine Gruppe Kinder vor Jaros Karte. Sie suchten ihre Inseln, folgten mit den Fingern den neuen Linien und erzählten, wo ihre Eltern ruhige Winde kannten. Jaro schrieb jede Beobachtung an den Rand. Seine ursprüngliche Karte war ordentlich gewesen. Diese war voller verschiedener Schriften und trotzdem genauer.
Leni sah zum Donnerturm. Ein einzelner Weg konnte schnell sein. Viele Menschen konnten stark sein. Weder Schnelligkeit noch Stärke reichten ohne den richtigen Augenblick.
Der Donner rückte näher. Die ersten Schiffe lösten ihre Taue.
Sie mussten entscheiden, welche Art von Mut sie brauchten.