Das Lied der Kristallhöhle

Leni trat durch den linken Bogen des Mondtors.

Kälte strich über ihr Gesicht. Einen Schritt zuvor hatte sie noch den feuchten Duft des Flüsterwalds gerochen. Nun stand sie auf einem schmalen Felsband in einer riesigen Höhle. Kristalle wuchsen aus Wänden, Boden und Decke. Manche waren klein wie Zuckerstücke, andere so groß wie die Masten der Windschwalbe. In ihrem Inneren liefen violette und goldene Lichtfunken.

Enna kam hinter ihr durch das Tor und blieb mit offenem Mund stehen. „Das“, sagte sie schließlich, „klingt sehr reparierbar.“

Überall erklangen Töne. Ein heller Kristall sang, wenn ein Tropfen von der Decke auf ihn fiel. Ein breiter grüner Stein brummte im Luftzug. Aus der Tiefe antwortete ein langsamer Grundton. Zusammen ergaben sie beinahe eine Melodie. Beinahe, denn immer wieder rutschte ein Ton zu hoch oder setzte zu spät ein.

Jaro und Nuri traten ebenfalls ein. Das Mondtor hinter ihnen wurde blasser, blieb aber offen.

„Der Luftkanal zum Herzgarten beginnt am anderen Ende“, sagte Nuri. „Die alten Windgärtner gingen hier entlang, bevor die Wurzelbrücke groß genug war.“

„Wie weit?“ fragte Leni.

Jaro sah auf Graus vollständige Karte. „Auf Papier eine Stunde. In einer Höhle voller Wege vermutlich mehr.“

Enna hob das Hörrohr. „Der tiefe Ton kommt von dort.“

Sie folgten ihm. Bald teilte sich der Felsgang in drei Tunnel. Aus jedem kam derselbe Grundton, aber unterschiedlich laut. Jaro markierte den Boden mit Kreide. Nuri legte kleine leuchtende Samen an Kreuzungen. Leni trug den Wolkenkompass. Seine Nadel zeigte nicht voraus, sondern sprang ständig zu den Kristallen in den Wänden.

„Er will, dass wir anhalten“, sagte sie.

Enna untersuchte einen milchigen Stein. In seiner Oberfläche steckte eine Metallklammer. „Grau hat hier gemessen.“ Sie fand weitere Klammern. Jede trug eine Zahl. „Er suchte die sieben Töne der Morgenlaterne.“

Auf dem Boden lag ein Heft. Viele Seiten waren herausgerissen. Auf der letzten stand: Erster Ton stabil. Zweiter Ton geteilt. Dritter Ton verstummt, seit Lumera sinkt. Nicht genug Hände.

„Schon wieder“, sagte Leni. „Er wusste, dass es allein nicht geht, und hat trotzdem niemanden gerufen.“

„Vielleicht hat der Wald ihm eingeredet, dass niemand kommen würde“, sagte Jaro.

„Der Wald erfindet nichts“, erinnerte Nuri. „Die Sorge war vorher da.“

Der Gang führte zu einem unterirdischen See. Das Wasser schwebte als flache Kugel mitten in der Höhle, gehalten von einem Ring aus Klangsteinen. Ihr Weg verlief darunter hindurch. In der Wasserkugel schwammen silberne Blätter und kleine Luftblasen.

Als Leni sich näherte, begann der Ring zu vibrieren. Die Kugel sank einen Fingerbreit.

„Nicht alle gleichzeitig“, warnte Enna. „Unser Schritt bringt den Takt durcheinander.“

Jaro beobachtete die Lichtfunken. „Die Steine leuchten nacheinander. Links, rechts, oben, unten.“

Sie gingen im selben Muster. Leni setzte den linken Fuß, Jaro den rechten, Enna machte einen großen Schritt über einen Riss, Nuri duckte sich unter einem Kristall hindurch. Es sah albern aus. Nach wenigen Schritten mussten sie lachen. Doch die Wasserkugel stieg wieder, und sie kamen trocken darunter hindurch.

Hinter dem See wurde der falsche Ton lauter. Schließlich erreichten sie eine Kammer mit sieben Steinsäulen. Auf jeder lag ein Kristall. Sechs glommen schwach. Der dritte war dunkel. Zwischen den Säulen verliefen Rinnen, die in ein rundes Tor mündeten. Dahinter musste der Luftkanal liegen.

Enna legte Meisterin Klings Klanggabel auf die erste Säule. Sie schlug sie an. Ein warmer Ton erfüllte die Kammer. Der erste Kristall antwortete genau. Der zweite antwortete etwas zu spät. Der dritte schwieg. Die übrigen sangen durcheinander.

„Wir müssen sie stimmen“, sagte Enna.

„Wie stimmt man einen Felsen?“ fragte Leni.

„Wie alles andere. Man findet heraus, was ihn verändert.“

Sie probierten vorsichtig. Jaro drehte einen Kristall nach der Karte. Nuri befeuchtete einen anderen. Leni hielt den Kompass darüber. Enna schlug verschiedene Töne an. Jeder Stein reagierte anders. Einer wurde tiefer, wenn Nuri Moos darunterlegte. Einer wurde klarer, wenn Jaro ihn genau nach Norden ausrichtete. Einer antwortete nur, wenn Leni ehrlich sagte, wovor sie Angst hatte.

„Ich habe Angst, dass Windhafen wegdriftet, während wir hier Steine anhören“, sagte sie.

Der fünfte Kristall leuchtete golden.

„Praktische Höhle“, murmelte Enna.

Der dunkle dritte Stein blieb stumm.

Sie fanden an seiner Unterseite einen Riss. Jemand hatte versucht, ihn mit Metall zu schließen. Die Klammer trug Graus Zeichen.

„Er hat ihn zu fest eingespannt“, sagte Enna. „Ein Klangstein muss schwingen können.“

Sie löste die Klammer. Der Riss öffnete sich weiter.

„Wenn wir sie ganz entfernen, bricht er“, sagte Jaro.

Nuri nahm die Samenkapsel, die ihm der alte Gärtner gegeben hatte. „Noch ist der Weg nicht zu Ende.“ Er steckte sie zurück. Stattdessen zog er feine Wurzelfäden aus einer Pflanztasche. „Die können den Stein halten, ohne ihn festzudrücken.“

Enna wickelte die Fäden um den Kristall. Jaro verteilte die Spannung nach einem Muster. Leni hielt beide Hälften zusammen. Als die Metallklammer fiel, blieb der Stein ganz.

Enna schlug die Klanggabel an.

Der dritte Ton kam zuerst als Flüstern. Dann wuchs er. Die Wurzelfäden leuchteten grün. Alle sieben Säulen antworteten nacheinander. Das runde Tor öffnete sich, und ein starker Luftzug fegte durch die Kammer.

„Geschafft!“ rief Leni.

Der Luftzug wurde zum Sturm. Lose Steine flogen. Das Heft riss aus Jaros Hand. Nuri packte eine Säule. Das Tor wollte sich sofort wieder schließen.

„Die Töne halten nicht!“ rief Enna. „Sie brauchen einen gleichmäßigen Takt!“

Jaro klopfte mit einem Bleistift gegen seine Säule. Eins, zwei, drei, Luft. Derselbe Takt wie an der Spalte im Wald. Nuri stimmte ein. Leni schlug mit der Handfläche auf den Stein. Enna gab mit der Klanggabel den Grundton.

Der Sturm ordnete sich. Aus wildem Wind wurde ein kräftiger, gleichmäßiger Strom. Das Tor blieb offen.

Sie mussten den Takt halten und gleichzeitig gehen. Also klopften sie auf alles, was sie erreichten: Felswände, Werkzeugtaschen, Stiefelsohlen. Eins, zwei, drei, Luft. Eins, zwei, drei, Luft.

Der Kanal war rund und glatt. Der Wind trug sie beinahe von selbst. Leni lachte, als ihre Füße den Boden verließen. Jaro versuchte noch, Schritte zu zählen, gab aber bei einhundert auf. Nuri ließ leuchtende Samen hinter sich fliegen. Enna hielt den Grundton so lange, bis ihre Wangen rot wurden.

Vor ihnen erschien Tageslicht.

Sie schossen aus einer Öffnung im Boden und landeten in weichem Gras.

Der Herzgarten von Lumera lag rings um sie. Er war wunderschön und erschreckend zugleich. Runde Beete bildeten sieben Kreise. In jedem wuchsen Windblumen einer anderen Farbe. Doch viele lagen flach am Boden. Die Insel war so tief gesunken, dass Wolken über den Gartenrand strichen.

In der Mitte kniete Magister Grau an einem großen, durchsichtigen Klangstein. Beide Hände lagen auf seiner Oberfläche. Silbernes Licht lief durch seine Arme. Er sah müde aus.

„Ihr solltet nicht hier sein“, sagte er.

Leni warf ihm seinen grauen Mantel vor die Füße. „Diesen Satz hätten Sie auf die Karte schreiben können.“

Grau blinzelte. Dann sah er den Wolkenkompass. „Er hat euch gefunden.“

„Sie haben ihn für uns liegen lassen“, sagte Jaro.

„Ich hoffte, Rasmus würde ihn nehmen.“

„Rasmus wusste, dass er nicht für ihn war“, sagte Enna. „Und Sie wussten es wahrscheinlich auch.“

Der Herzstein pulsierte unregelmäßig. Bei jedem schwachen Schlag sank Lumera ein wenig tiefer.

Grau erklärte, was geschehen war. Er hatte eine alte Leitung von der Morgenlaterne zum Herzgarten geöffnet. Sie sollte Lumera nur bis zum Fest anheben. Doch der dritte Ton fehlte. Statt Wind zu verteilen, zog die Leitung Kraft aus den anderen Verbindungen. Als Grau den Fehler bemerkte, hielt er den Herzstein mit den Händen offen. Ließe er los, würde Lumera fallen. Bliebe er, würden die anderen Inseln weiterdriften.

„Warum haben Sie niemanden gerufen?“ fragte Leni.

Grau sah auf seine Hände. „Weil der Rat meinen Plan abgelehnt hatte. Weil ich beweisen wollte, dass er funktioniert. Weil ich mich geschämt habe, als er nicht funktionierte.“

„Das sind drei Gründe“, sagte Enna. „Keiner repariert etwas.“

Zu Lenis Überraschung lachte Grau. Es war nur ein kurzes, müdes Lachen. „Du klingst wie Meisterin Kling.“

„Das ist meistens ein gutes Zeichen.“

Sie zeigten ihm, wie sie den dritten Kristall befreit hatten. Grau verstand sofort. „Dann kann die Morgenlaterne wieder sieben Töne empfangen. Aber wir sind zu weit entfernt, um sie zu spielen.“

Der Wolkenkompass leuchtete. Seine sieben Punkte warfen Farben auf die Beete. Jede Farbe traf eine andere Windblume. Die Blüten richteten sich auf und gaben die Töne aus der Höhle wieder.

„Der Kompass verbindet“, sagte Jaro. „Nicht nur Menschen. Auch die Wege, die sie gemeinsam geöffnet haben.“

Enna stellte die Klanggabel an den Herzstein. Nuri verteilte seine Wurzelfäden auf die sieben Beete. Jaro richtete den Kompass nach seiner Karte aus. Leni kniete Grau gegenüber.

„Sie müssen loslassen“, sagte sie.

„Dann fällt die Insel.“

„Nur für einen Augenblick. Wir fangen sie gemeinsam.“

Grau schüttelte den Kopf. Seine Arme zitterten.

Leni dachte an den Flüsterwald. „Sie dürfen Angst haben. Sie müssen ihr nicht gehorchen.“

Nuri lächelte. „Das ist die Regel meiner Schwester.“

Grau atmete ein. Dann nahm er die Hände vom Stein.

Lumera fiel.

Der Garten hob sich vom Boden, oder vielleicht hob der Boden sich vom Garten. Leni wurde leicht. Wolken schossen am Rand empor. Grau kippte nach vorn.

Enna schlug die Klanggabel an. Nuri zog die Wurzelfäden straff. Jaro rief den Takt. Leni legte beide Hände an den Herzstein.

Eins, zwei, drei, Luft.

Der erste Ton erklang. Im Kompass leuchtete Windhafen auf.

Eins, zwei, drei, Luft.

Der zweite Ton kam aus Mooswipfel.

Beim dritten blieb alles still.

„Noch einmal!“ rief Enna.

Sie schlug die Gabel. Aus dem Luftkanal antwortete der reparierte Kristall. Sein Ton lief durch die Wurzelfäden in den Herzstein. Die übrigen Töne folgten. Sieben Farben schossen vom Kompass in den Himmel.

Weit entfernt antwortete die Morgenlaterne.

Ihr Licht war zunächst nur ein Punkt. Dann zog sich eine goldene Linie über das Himmelmeer bis Lumera. Weitere Linien erwachten. Die Insel hörte auf zu fallen. Langsam stieg sie, bis die Wolken wieder unter dem Garten lagen.

Grau saß im Gras und weinte leise. Niemand tat so, als bemerkte er es nicht. Leni setzte sich neben ihn. „Sie müssen dem Rat alles erzählen.“

„Ich weiß.“

„Auch das mit dem Kompass.“

„Alles.“

„Und nächstes Mal fragen Sie früher.“

„Es wird kein nächstes Mal geben.“

Enna stemmte die Hände in die Hüften. „Bei Maschinen gibt es immer ein nächstes Mal.“

Am Abend erreichte die Windschwalbe Lumera. Rasmus hatte mit den Gärtnern von Mooswipfel den Ostweg stabilisiert. Meisterin Kling funkte über die wiederhergestellte Linie, dass Windhafen an seinem Platz war. Auch Kieselkamm und die übrigen Inseln meldeten sichere Höhe.

Zwei Tage später fand das Fest der ersten Brise statt. Nicht wie geplant auf einer einzigen Insel, sondern gleichzeitig auf allen sieben. Durch die goldenen Linien hörte man überall dasselbe Windlied.

Leni überbrachte Graus Bericht persönlich an den Inselrat. Sie rannte nicht. Manche Nachrichten waren wichtig genug, um jeden Schritt bewusst zu gehen.

Jaro zeichnete die Kristallhöhle in seine Karte ein, einschließlich des tanzenden Weges unter der Wasserkugel. Enna bekam die Erlaubnis, den dritten Klangstein regelmäßig zu prüfen. Nuri pflanzte seine Samenkapsel im Herzgarten. Daraus wuchs eine silberne Blume mit sieben Blättern.

Magister Grau verlor seinen alten Titel als alleiniger Laternenwart. Zuerst glaubte Leni, das sei eine Strafe. Dann sah sie ihn eine Woche später im Werkhof. Er saß an einem runden Tisch mit Meisterin Kling, zwei Windgärtnerinnen, drei Fährleuten und einer Gruppe Kartenschüler. Jeder besaß einen Schlüssel zu einem anderen Teil der Anlage. Niemand konnte die Morgenlaterne allein öffnen.

„Ist das nicht umständlicher?“ fragte Leni.

„Sehr“, sagte Grau. „Wir müssen Termine finden. Wir müssen einander erklären, was wir vorhaben. Wir müssen zuhören, wenn jemand einen Fehler entdeckt.“

„Das klingt schlimm.“

Grau lächelte. „Es klingt sicher.“

Auch der Flüsterwald veränderte sich. Seit die Windlinien wieder im Takt lagen, sprach er leiser. Wer durch ihn ging, hörte die eigenen Sorgen noch immer, aber dazwischen erklangen nun andere Sätze: Noch einmal. Gemeinsam. Langsamer ist nicht zu spät. Nuri behauptete, der Wald habe diese Worte von den Reisenden gelernt.

Leni wusste nicht, ob Wälder wirklich lernen konnten. Sie wusste nur, dass Menschen es konnten. Jaro hatte im Sturm gelenkt, obwohl er keine fertige Karte besaß. Enna hatte Wurzeln verwendet, obwohl sie lieber Metall mochte. Nuri hatte einer Maschine vertraut. Und Leni hatte gelernt, dass eine Botin nicht nur Nachrichten an ein Ziel brachte. Manchmal verband sie Menschen, die dieselbe Nachricht hören mussten.

Und an der Morgenlaterne hing fortan ein neues Schild. Darauf stand nicht, wer den Turm gebaut hatte oder wer ihn leitete.

Darauf stand: Kein Wind trägt eine Insel allein.

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