Der Pfad durch den Flüsterwald

Die Windschwalbe nahm die Ostroute, und schon nach einer halben Stunde roch die Luft nach nasser Erde.

Das war auf dem Himmelmeer selten. Meist roch es dort nach kaltem Wind, Segeltuch und ein wenig nach dem Öl der Schiffswinden. Doch die Ostgärten waren grüne Inseln. Ihre Bäume wuchsen so dicht an den Rändern, dass manche Wurzeln frei über den Wolken hingen. Zwischen den Ästen drehten sich breite Blätter wie kleine Windräder.

Rasmus ließ das Segel sinken. „Ab hier trägt uns die Strömung nicht weiter. Mooswipfel hat den Ostwind verloren.“

Vor ihnen schwebte die Insel schräg im Himmel. Auf der oberen Seite standen Häuser zwischen riesigen Baumstämmen. Auf der tieferen Seite klammerten sich Windgärtner an Seile und zogen Wasserrinnen zurück in ihre Halterungen. Die goldene Verbindungslinie nach Windhafen war nur noch als blasser Funke zu sehen.

Die Windschwalbe legte an einem Asthafen an. Statt eines Stegs wuchs dort eine dicke, flache Wurzel aus dem Inselboden. Leni sprang hinüber. Der Boden unter ihr war weich und federte.

Ein Junge mit grüner Mütze kam ihnen entgegen. Er trug zwei Pflanztaschen und eine Gießkanne auf dem Rücken. „Wer von euch hat den Bundkompass?“ fragte er ohne Begrüßung.

Leni hob ihn. Die grüne Markierung am Rand leuchtete.

„Dann seid ihr spät“, sagte der Junge. „Aber noch nicht zu spät. Ich bin Nuri Mooshand.“

„Woher wusstest du, dass wir kommen?“ fragte Jaro.

Nuri zeigte auf die Bäume. Alle Blätter waren nach Leni gedreht, obwohl der Wind aus der anderen Richtung kam. „Der Wald hört die Windlinien. Seit die Morgenlaterne schweigt, flüstert er von drei Schritten und einem Kompass.“

Enna betrachtete die Gießkanne. Aus ihrem Ausguss kam kein Wasser, sondern ein feiner Nebel. „Das ist eine gute Düse.“

„Das ist eine gute Pflanze“, erwiderte Nuri. „Die Kanne hält sie nur fest.“

Enna beschloss sofort, ihn interessant zu finden.

Nuri führte sie durch Mooswipfel. Die Wege verliefen über Äste, durch hohle Stämme und manchmal direkt über Dächer. Überall arbeiteten Menschen daran, die schiefe Insel auszugleichen. Sie banden schwere Wassersäcke an die hohe Seite und schnitten Windblüten auf der tiefen Seite zurück. Kinder sammelten Samen ein, bevor sie ins Wolkenmeer rollten.

Auf einem Platz stand ein steinerner Ring, in dem sieben Windfahnen hingen. Nur vier bewegten sich.

„Das Mondtor im Flüsterwald verbindet uns mit Lumera“, erklärte Nuri. „Früher gingen die Windgärtner durch die Kristallhöhle oder über die Wurzelbrücke zum Herzgarten. Beide Wege sind seit Jahren geschlossen. Heute Morgen hat das Tor zum ersten Mal wieder geleuchtet.“

„Dann ist Grau dort entlanggegangen“, sagte Leni.

Rasmus nickte. „Oder er wollte, dass wir es glauben.“

Ein alter Gärtner drückte Nuri ein Bündel silberner Schnüre in die Hand. „Der Wald ist laut“, warnte er. „Lauter als je zuvor.“

„Wir gehen trotzdem“, sagte Nuri.

„Du bleibst hier“, sagte der Gärtner.

„Ich kenne die Wege.“

„Eben deshalb weißt du, wie gefährlich sie sind.“

Nuri stellte die Gießkanne ab. „Und eben deshalb sollte niemand hineingehen, der sie nicht kennt.“

Leni erwartete einen Streit. Stattdessen sah der alte Gärtner Nuri lange an. Dann nahm er eine kleine Samenkapsel aus der Tasche und legte sie ihm in die Hand. „Nicht öffnen, bevor ein Weg wirklich zu Ende ist.“

Nuri nickte. Mehr sagten beide nicht.

Rasmus blieb bei der Windschwalbe. Das Schiff musste gesichert werden, und er wollte den Menschen von Mooswipfel beim Ausrichten ihrer Insel helfen. „Das Mondtor liegt hinter dem Wald“, sagte er. „Wenn ihr es erreicht, wartet nicht auf mich. Der Kompass hat euch gewählt, nicht mein Steuerrad.“

Leni mochte nicht, dass der Kapitän zurückblieb. Mit ihm fühlte sich jede Reise ein wenig wie ein Ausflug an. Ohne ihn war sie plötzlich eine Aufgabe. Doch sie sagte nur: „Wir schicken ein Signal, sobald wir durch sind.“

Der Eingang des Flüsterwalds sah harmlos aus. Zwei Bäume bildeten einen Bogen. Dahinter führte ein heller Pfad zwischen Farnen hindurch. Kleine blaue Blüten öffneten sich unter jedem Schritt.

„Eine Regel“, sagte Nuri. „Der Wald wiederholt Sorgen. Er kann keine neuen erfinden. Wenn ihr etwas hört, das euch Angst macht, stammt es aus einem von uns.“

„Das soll beruhigend sein?“ fragte Enna.

„Ein bisschen.“

Sie gingen hinein.

Zuerst hörten sie nur Blätter. Dann flüsterte es links: Zu spät. Zu spät. Zu spät.

Leni blieb stehen.

„Das ist meine“, sagte sie. Ihre Stimme klang kleiner, als sie wollte.

Rechts raschelte es: Falscher Knoten. Falsche Linie. Alle verlassen sich auf deine Karte.

Jaro zog die Messschnur fester um seine Hand. „Meine.“

Über Enna knackte ein Ast. Das klingt nicht reparierbar, wisperten die Blätter. Das klingt nicht reparierbar.

Enna steckte die Hände in die Taschen. „Unhöflicher Wald.“

Nuri ging voraus. Bei ihm sagte der Wald zunächst nichts. Erst als der Pfad schmaler wurde, kam ein tieferes Flüstern aus den Wurzeln: Maschinen nehmen den Pflanzen den Wind. Maschinen nehmen den Pflanzen den Wind.

Enna sah ihn an. „Das denkst du wirklich?“

„Manchmal.“

„Meine Maschinen geben Wind weiter.“

„Manchmal“, gab Nuri zurück.

Der Pfad teilte sich. Beide Wege sahen gleich aus. Nuri kniete nieder und berührte das Moos. „Der rechte war früher richtig. Aber die Wurzeln haben sich bewegt.“

Jaro zog seine Karte heraus. „Auf der Karte gibt es nur einen Pfad.“

„Der Wald wächst.“

„Eine Karte kann ergänzt werden.“

„Aber erst, nachdem du weißt, wo du bist.“

Leni hob den Wolkenkompass. Die Nadel drehte sich wild. In beide Richtungen flackerte grünes Licht.

„Er zeigt Verbindungen“, erinnerte sie sich. „Vielleicht müssen wir nicht den richtigen Ort wählen, sondern die richtige Gruppe.“

Sie stellten sich enger zusammen. Die Nadel beruhigte sich ein wenig, wies aber noch immer zwischen beide Pfade. Enna nahm ihr kupfernes Hörrohr heraus. Sie richtete es erst nach rechts, dann nach links.

„Rechts höre ich Blätter und Wasser. Links höre ich Blätter, Wasser und etwas, das alle sechs Schläge klickt.“

„Das Mondtor hat ein Uhrwerk“, sagte Nuri. „Sehr langsam, aber es klickt.“

Sie nahmen den linken Weg.

Der Wald wurde dunkler. Die Stimmen wurden lauter. Manche gehörten eindeutig zu ihnen, andere klangen fremd. Ich wollte nur Zeit gewinnen, sagte eine Männerstimme. Noch eine Leitung. Nur bis zum Fest. Niemand muss es wissen.

„Grau“, sagte Leni.

Das Flüstern sprang von Baum zu Baum. Niemand muss es wissen. Niemand muss es wissen.

„Er war hier“, sagte Jaro. „Und er hatte Angst, entdeckt zu werden.“

„Oder Angst, dass niemand hilft“, ergänzte Enna.

Vor ihnen brach der Pfad ab. Eine breite Spalte zog sich durch den Waldboden. Die Insel hatte sich bewegt und den Weg auseinandergerissen. Unten glomm blauer Nebel. Auf der anderen Seite setzte sich der Pfad fort.

Nuri holte die silbernen Schnüre hervor. Es waren keine Schnüre, sondern dünne Ranken. Er legte ihre Enden auf den Boden und befeuchtete sie mit seiner Gießkanne. Die Ranken wuchsen einen Arm weit, dann hielten sie an.

„Zu wenig Ostwind“, sagte er. „Normalerweise würden sie die Spalte überbrücken.“

Enna untersuchte die Nebelkanne. „Die Pflanze braucht bewegte Luft, richtig?“

„Gleichmäßige Luft.“

Enna zog einen kleinen Blasebalg aus ihrer Tasche. „Dann pumpen wir.“

Sie setzte den Balg an die Wurzel. Nuri wollte widersprechen, doch Leni begann bereits, den Griff zu drücken. Die Ranke zuckte und wuchs zwei Finger weiter.

„Nicht schnell“, sagte Nuri. „Im Takt.“

Jaro zählte. „Eins, zwei, drei, Luft. Eins, zwei, drei, Luft.“

Leni und Enna wechselten sich am Blasebalg ab. Nuri führte die Ranken. Jaro hielt den Takt. Langsam schoben sich silberne Triebe über die Spalte, fanden auf der anderen Seite Halt und verflochten sich. Als die Brücke breit genug war, ging Nuri zuerst. Leni folgte. In der Mitte hörte sie tief unter sich den Wald wispern: Du kannst nicht alle retten.

„Muss ich auch nicht allein“, sagte sie laut.

Die Blätter schwiegen für drei Schritte.

Hinter der Spalte lag eine Lichtung. Dort stand ein verlassener Rucksack. Daneben lagen ein grauer Mantel und ein zerbrochener Klangmesser.

Leni kannte den Mantel. Magister Grau hatte ihn an dem Tag getragen, als sie ihm die letzte Nachricht brachte.

Enna setzte den Klangmesser zusammen. „Nicht zerbrochen. Geöffnet.“ Sie zeigte auf ein leeres Fach. „Hier war ein kleiner Klangstein.“

Jaro fand Fußspuren. Sie führten zur Mitte der Lichtung und endeten dort. „Er ist nicht zurückgegangen.“

Nuri deutete nach oben. Zwischen den Baumkronen verlief eine alte Windlinie. Sie war fast unsichtbar, aber an einer Stelle hing ein Faden des grauen Mantels. „Er hat einen Luftkanal geöffnet und sich hinüberziehen lassen.“

„Nach Lumera?“

„Zum Mondtor. Von dort weiter.“

Leni nahm den Mantel mit. Nicht weil Grau ihn brauchte, sondern weil sie eine Erklärung wollte, wenn sie ihn fanden.

Sie verließen die Lichtung. Der Wald flüsterte nun Graus Sorge zwischen ihre eigenen: Zu spät. Falsche Karte. Nicht reparierbar. Maschinen nehmen den Wind. Niemand muss es wissen.

Die Stimmen mischten sich, bis niemand mehr wusste, welche wem gehörte. Leni wurde schneller. Zweige schlugen ihr ins Gesicht. Sie wollte nur noch heraus.

„Stopp“, sagte Jaro.

„Wir sind fast da.“

„Nein. Wir laufen im Kreis.“ Er zeigte auf eine Wurzel, um die Enna vor wenigen Minuten einen roten Draht gebunden hatte.

Nuri sah verwirrt aus. „Das macht der Wald sonst nicht.“

„Die Insel dreht sich“, sagte Jaro. „Unsere Richtung verändert sich, während wir gehen.“

Er legte die Karte auf den Boden, doch das Papier half nicht. Also nahm er vier Bleistifte aus dem Ärmel und steckte sie senkrecht ins Moos. An jeden band er einen Faden der Messschnur. Die losen Enden flatterten nicht alle gleich. Einer zeigte einen beständigen Luftzug.

„Ein Ausgang braucht Luftaustausch“, sagte er. „Wir folgen nicht dem Weg. Wir folgen dem Wind.“

Nuri nickte langsam. „Eine Karte aus bewegter Luft.“

Sie gingen quer durch Farne, zwischen zwei eng stehenden Stämmen hindurch und über einen Bach. Der Wald versuchte, sie mit lauteren Stimmen zurückzulocken. Leni hörte die Stimme ihrer Mutter: Eine Botin liefert Nachrichten, sie rettet keine Inseln. Sie wusste, dass ihre Mutter das nie gesagt hatte. Der Wald hatte Lenis eigene Sorge nur mit einer vertrauten Stimme verkleidet.

„Du darfst Angst haben“, sagte Nuri neben ihr. „Man muss nicht jeder Angst gehorchen.“

„Ist das eine Gärtnerregel?“

„Nein. Die hat meine kleine Schwester erfunden.“

Der Luftzug wurde stärker. Die Bäume öffneten sich. Vor ihnen standen zwei hohe Bögen aus milchigem Stein: das Mondtor. Zwischen ihnen spannte sich ein Platz, auf dem der Boden mit Kreisen und Linien bedeckt war.

Im linken Bogen schimmerte violettes Licht. Dahinter sah man Felswände und funkelnde Kristalle. Aus der Tiefe erklangen einzelne, klare Töne.

Im rechten Bogen lag grünes Dämmerlicht. Man sah eine gewaltige Wurzel, die hinaus ins freie Himmelmeer führte. Sie war rissig und an vielen Stellen vertrocknet. Kleine Gestalten bewegten sich darauf und winkten mit Notflaggen.

In der Mitte des Platzes stand eine Steinsäule. Darauf lag die andere Hälfte von Graus Karte.

Jaro setzte beide Teile zusammen. Nun zeigte die gestrichelte Linie zwei Möglichkeiten. Der linke Weg führte durch die Kristallhöhle und einen alten Luftkanal direkt unter den Herzgarten von Lumera. Der rechte führte über die Wurzelbrücke, die einst Wind zwischen den Ostgärten und Lumera ausgetauscht hatte.

Auf Graus Kartenhälfte stand: Ein Ton kann die Tür öffnen. Eine lebende Brücke kann den Wind tragen. Beides habe ich allein nicht geschafft.

„Er hat beide Wege versucht“, sagte Enna.

„Und beide beschädigt“, sagte Nuri schärfer.

„Vielleicht. Aber er sagt uns auch, was fehlt.“ Leni blickte von einem Tor zum anderen.

Aus der Kristallhöhle kam ein neuer Ton, tief und lang. Ennas Hörrohr vibrierte. „Das ist einer der fehlenden Töne der Morgenlaterne. Wenn wir die Kristalle stimmen, können wir den Luftkanal öffnen.“

Auf der Wurzelbrücke knickte ein Teil des Geländers weg. Die kleinen Gestalten sprangen zurück. Nuri umklammerte seine Samenkapsel. „Das sind Windgärtner. Wenn die Brücke fällt, verlieren wir nicht nur einen Weg. Dann kann nie wieder Wind zwischen den Inseln wachsen.“

Jaro betrachtete den Kompass. Seine Nadel zeigte abwechselnd in beide Tore. „Wir können nur einen Weg rechtzeitig schaffen. Die Inseln driften weiter.“

Leni dachte an den Flüsterwald. An die Stimmen, die behauptet hatten, sie kämen zu spät, wählten falsch oder könnten nicht alles retten. Vielleicht gab es keine Entscheidung ohne Verlust. Aber es gab Entscheidungen, bei denen man wusste, warum man sie traf.

Links wartete das Lied der Kristallhöhle und ein schneller Weg zum Herzgarten. Rechts warteten Menschen auf einer sterbenden Brücke und eine Verbindung, die länger halten könnte als jede Reparatur.

Nuri stellte sich zwischen beide Tore. „Ich gehe mit euch, egal welchen Weg ihr wählt.“

Enna hielt das Hörrohr bereit. Jaro rollte die nun vollständige Karte zusammen. Leni schloss die Hand um den Wolkenkompass.

Die grüne Nadel teilte ihr Licht in zwei Bögen. Einer klang. Der andere wuchs.

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Continuation 1

Das Lied der Kristallhöhle

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Continuation 2

Die Brücke aus lebenden Wurzeln

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