Der Turm im Donner
Der Donnerturm stand auf einer kleinen Felseninsel außerhalb von Segelmarkt.
Keine Brücke führte hinüber. Die Insel war gerade groß genug für den schwarzen Turm und drei windschiefe Bäume. Über seiner Spitze kreisten Gewitterwolken. Bei jedem Blitz leuchteten kupferne Ringe an den Mauern auf.
„Betreten bei Gewitter streng verboten“, las Jaro noch einmal von dem Schild am Markt ab.
Enna zog ihre Handschuhe fest. „Ohne Gewitter streng nutzlos.“
Rasmus konnte mit seiner verletzten Schulter nicht steuern. Deshalb liehen sie ein kleines Wartungsboot. Es hatte ein dreieckiges Segel und reagierte auf jede Bewegung. Leni hielt das Steuer, Jaro beobachtete die Strömung, Enna bediente die Segelleinen. Rasmus blieb am Anleger und gab ihnen seine rote Signalpfeife.
„Drei kurze Töne bedeuten umkehren“, sagte er. „Ein langer bedeutet, dass der Weg frei ist.“
„Und wenn wir Hilfe brauchen?“ fragte Leni.
„Dann pfeift so laut ihr könnt. Segelmarkt hört euch.“
Das Wartungsboot sprang von Böe zu Böe. Regen begann. Der Donnerturm wuchs vor ihnen empor. An seiner unteren Plattform hing eine eiserne Leiter, die sich im Wind drehte.
Leni brachte das Boot längsseits. Jaro griff die Leiter, verfehlte sie und griff beim zweiten Versuch erneut. Enna warf eine Klammer über die unterste Sprosse. Das Boot ruckte gegen den Fels.
„Jetzt!“
Sie kletterten. Als Leni die Plattform erreichte, schlug ein Blitz in die Turmspitze. Die kupfernen Ringe glühten. Ein tiefer Ton lief durch die Mauer bis in ihre Hände.
Die Tür besaß kein Schloss. Stattdessen waren sieben Metallplatten im Kreis angebracht. Sechs waren kalt. Eine vibrierte.
Enna legte ihr Hörrohr an. „Die Platten müssen den Blitz weitergeben. Aber nur eine ist verbunden.“
Jaro entdeckte Zeichen über den Platten: Symbole der sieben Inseln. „Windhafen, Kieselkamm, Mooswipfel, Segelmarkt, Lichterruh, Wolkenruh und Lumera.“
Leni hielt den Wolkenkompass in die Mitte. Die Platten leuchteten nacheinander. Die Tür sprang auf.
Drinnen führte eine Wendeltreppe nach oben. In der Turmmitte hing eine dicke Kupferstange. Bei jedem Donnerschlag fuhr Licht an ihr hinunter und verschwand im Boden.
„Der Turm sammelt bereits Energie“, sagte Enna. „Wir müssen sie nur in die alte Leitung zur Morgenlaterne lenken.“
„Nur“, wiederholte Jaro.
Auf der ersten Ebene fanden sie einen Raum voller Hebel. Alle waren beschriftet, aber die Schrift war verblasst. Graus Kreidezeichen zogen sich über den Boden. Er hatte Pfeile und Zahlen notiert. Neben einem Hebel stand: Nicht allein bewegen.
„Immerhin hat er etwas gelernt“, sagte Leni.
Enna untersuchte die Mechanik. „Drei Hebel müssen gleichzeitig gezogen werden. Einer öffnet den Blitzfänger, einer die Windkammer und einer die Fernleitung.“
„Wir sind drei“, sagte Jaro.
„Und danach muss jemand oben den Ableiter ausrichten.“
„Wir sind zu wenig.“
Der Turm bebte. Durch ein Fenster sahen sie, wie Segelmarkt seine ersten Schiffe verlor. Sie wurden nicht zerstört, aber der Sturm riss ihre Taue los und trieb sie auseinander.
Leni nahm Rasmus’ Pfeife. Sie blies so laut sie konnte: drei lange Töne, denn ein eigenes Zeichen für „Wir brauchen eine vierte Person“ gab es nicht.
Vom Markt antwortete ein Horn. Dann löste sich ein rotes Segel aus der Flotte. Das Postschiff, das sie zuvor gerettet hatten, kam durch den Regen. Mara Wolkenpost stand am Steuer.
„Ihr habt eine Lieferung bestellt?“ rief sie, als sie anlegte.
„Eine zusätzliche Hand!“ rief Leni zurück.
Mara kletterte herauf. „Die habe ich dabei.“
Gemeinsam gingen sie weiter. Jaro blieb auf der Hebelebene und lernte die Zeichenfolge. Enna und Leni stiegen zur Windkammer. Mara sollte bis zur Spitze gehen und den Ableiter drehen.
„Woran erkenne ich die richtige Richtung?“ fragte sie.
Jaro reichte ihr seine Karte. Eine goldene Linie verband den Turm mit Windhafen. „Nicht auf den Ort zielen. Auf die Strömung davor. Der Sturm drückt die Energie nach Norden.“
Mara rollte die Karte zusammen und kletterte.
Die Windkammer war eine runde Halle mit sieben großen Trommeln. Sechs standen still. Die siebte bebte so stark, dass ihre Halterungen klapperten. Enna kroch darunter.
„Graus Umleitung hat alle Energie in die Lumera-Trommel geschickt“, sagte sie. „Wenn wir einfach öffnen, bekommt die Morgenlaterne einen einzigen riesigen Stoß. Das kann den Herzstein zerbrechen.“
„Wie teilen wir ihn?“
„Wir bringen die anderen Trommeln nacheinander zum Schwingen.“
Leni stellte den Wolkenkompass auf den Boden. Seine sieben Punkte blinkten. Enna verband jede Trommel mit einer dünnen Saite aus ihrem Werkzeugbeutel. Die Saiten liefen zum Kompass.
„Wenn der Blitz kommt, schlägst du die Trommeln in dieser Reihenfolge“, erklärte sie. „Nicht schnell. Jede muss den Ton der vorherigen aufnehmen.“
„Und du?“
„Ich öffne die Ventile.“
Über ihnen rief Mara: „Ableiter bereit!“
Von unten kam Jaros Stimme durch ein Sprechrohr. „Hebel bereit!“
Der Sturm antwortete mit Donner.
„Noch nicht“, sagte Enna. „Das war nur der Rand.“
Sie warteten. Regen hämmerte gegen die Fenster. Leni spürte jeden Schlag in der Brust. Ein blauer Blitz kroch über die Wolken, teilte sich und verschwand.
„Der nächste“, sagte Enna.
Jaro begann zu zählen. Seine Stimme kam dünn aus dem Rohr: „Sieben, sechs, fünf ...“
Bei drei veränderte sich das Geräusch des Windes. Bei zwei stellten sich Lenis Haare auf. Bei eins wurde alles weiß.
Der Blitz traf.
Mara schrie etwas von oben. Jaro zog die Hebel. Enna riss das erste Ventil auf. Die Lumera-Trommel donnerte.
Leni schlug mit einem gepolsterten Hammer auf die zweite Trommel. Ein tiefer Ton erklang. Dann die dritte, vierte, fünfte. Bei der sechsten rutschte ihr der Hammer aus der Hand.
Die Energie sprang zurück. Eine Saite riss. Die Lumera-Trommel begann gefährlich schnell zu schlagen.
„Nicht aufheben!“ rief Enna. „Nimm die Hand!“
Leni schlug mit der flachen Hand gegen die sechste Trommel. Es tat weh. Der Ton war zu leise.
Sie schlug noch einmal. Jaro zählte weiter. Mara hielt den Ableiter. Enna kämpfte mit dem letzten Ventil.
Der Wolkenkompass hob sich vom Boden. Sein sechster Punkt leuchtete und verstärkte Lenis Schlag. Die Trommel antwortete. Leni erreichte die siebte.
Alle sieben Töne verbanden sich.
Die Halle füllte sich mit goldenem Wind. Er strömte durch Rohre nach unten. Der Turm leuchtete von der Spitze bis zum Fundament.
„Fernleitung offen!“ rief Jaro.
Ein Lichtbogen schoss aus dem Donnerturm über das Himmelmeer. Er traf nicht direkt Windhafen, sondern genau die Strömung davor. Der Sturm bog ihn nach Norden. Am Horizont flammte die Morgenlaterne auf.
Doch nach einem Augenblick wurde sie wieder dunkel.
„Zu wenig“, sagte Leni.
„Nicht zu wenig“, antwortete Enna. „Zu kurz. Wir brauchen einen zweiten Blitz, ohne dass die Trommeln aus dem Takt fallen.“
Die Saiten waren gerissen. Lenis Hand schmerzte. Oben knarrte der Ableiter.
„Wir können das nicht noch einmal genauso machen“, sagte sie.
Enna lauschte. Die Trommeln schwangen noch nach. „Müssen wir auch nicht. Sie kennen jetzt den Takt.“
Jaro kam die Treppe herauf. Er hatte die Hebel mit einem Seilzug verbunden, sodass er sie von der Kammer aus bedienen konnte. Mara stieg ein Stück herunter, blieb aber an der Kurbel des Ableiters.
„Der nächste Blitz ist stärker“, warnte sie.
Jaro zeichnete sieben Kreise auf den Boden. Jeder stellte eine Trommel dar. „Wir teilen uns die Schläge. Leni eins und zwei. Ich drei und vier. Enna fünf und sechs. Die siebte schlägt der Kompass.“
„Ein Kompass hat keine Hände“, sagte Mara.
„Wir auch nicht genug“, erwiderte Enna. „Probieren wir es.“
Sie stellten sich bereit. Leni band ein Tuch um ihre Hand. Enna öffnete alle Ventile einen Spalt. Jaro hielt den Seilzug. Der Wolkenkompass lag auf der siebten Trommel.
Der zweite Blitz kam wie ein ganzer heller Baum aus den Wolken.
Mara drehte den Ableiter. Jaro zog. Die Energie stürzte in die Kammer.
Leni schlug. Eins, zwei.
Jaro sprang. Drei, vier.
Enna antwortete. Fünf, sechs.
Für einen Herzschlag geschah nichts.
Dann schlug die gläserne Nadel des Wolkenkompasses gegen seinen Rand.
Sieben.
Der Ton war klarer als alle anderen. Die Trommeln nahmen ihn auf. Goldener Wind schoss durch die Leitung. Diesmal blieb die Morgenlaterne hell. Eine Linie nach der anderen erschien am Himmel.
Segelmarkt jubelte. Schiffe ließen ihre Hörner erklingen. Die Sturmwolken drehten sich um den Donnerturm, verloren ihre dunkle Farbe und lösten sich in warmem Regen auf.
Über das Sprechrohr kam eine fremde Stimme. „Hier Herzgarten Lumera. Wir empfangen Wind.“
Dann sprach Magister Grau. „Wer ist am Turm?“
Leni nahm das Rohr. „Die Leute, die Sie hätten rufen sollen.“
Grau schwieg kurz. „Leni?“
„Und Jaro, Enna und Mara. Rasmus wartet am Markt. Ganz Segelmarkt hat zugesehen.“
„Dann kann ich es nicht mehr verheimlichen.“
„Das war der Plan.“
Grau lachte erschöpft. Er erklärte ihnen, wie sie die Energie langsam reduzieren konnten. Dann ließ er den Herzstein los. Lumera blieb in der Höhe.
Als die Kinder den Turm verließen, hatte der Regen aufgehört. Rasmus wartete am Anleger. Trotz seiner Schlinge zog er alle drei in eine unbeholfene Umarmung.
Die Heimreise dauerte länger, weil der Kapitän tatsächlich nicht steuern durfte. Leni und Jaro wechselten sich am Rad ab. Enna schlief neben dem Mast ein, den Kopf auf ihrer Werkzeugtasche.
In Windhafen erwartete sie eine Menschenmenge. Meisterin Kling betrachtete Lenis verbundene Hand, Ennas rußiges Gesicht und Jaros völlig aufgeweichte Karte. „Ihr habt also einen verbotenen Turm während eines Gewitters betreten.“
„Technisch gesehen war das Betreten nur auf einem Schild verboten“, sagte Enna.
„Das ist die übliche Art, etwas zu verbieten.“
Dann umarmte sie ihre Enkelin so fest, dass die Schraubenschlüssel klapperten.
Magister Grau kehrte am nächsten Tag zurück und berichtete dem Rat. Die Leitung des Donnerturms wurde nicht wieder stillgelegt. Stattdessen bildete man ein Wetterteam aus allen Inseln. Niemand durfte den Turm allein starten. Mara übernahm die Sturmwarnungen, Jaro zeichnete veränderliche Routen, und Enna entwickelte Trommeln, die ihren Takt selbst anzeigten.
Rasmus schenkte den Kindern sein altes Logbuch. Auf die erste freie Seite schrieb er: Neue Südroute, entdeckt bei schlechtem Wetter und guter Zusammenarbeit.
Eine Woche später kehrten sie zum Donnerturm zurück. Diesmal schien die Sonne, und am Eingang hing ein neues Schild. Darauf stand: BETRETEN NUR IM TEAM. Enna fand das viel vernünftiger. Sie führte Meisterin Kling durch die Windkammer und zeigte jede Änderung. Jaro hatte farbige Linien auf den Boden gemalt, damit niemand die Reihenfolge der Trommeln verwechselte. Mara installierte sieben Signalpfeifen, eine für jede Insel.
Magister Grau kam ebenfalls. Er blieb lange vor der Kreidenotiz stehen, die er selbst geschrieben hatte: Nicht allein bewegen.
„Warum haben Sie Ihre eigene Warnung nicht beachtet?“ fragte Leni.
„Ich dachte, sie gelte nur für die Hebel“, antwortete er.
„Vielleicht gelten gute Warnungen manchmal für mehr, als man zuerst denkt.“
Grau schrieb unter den alten Satz: Gilt auch für Pläne.
Bei der ersten offiziellen Übung lief natürlich nicht alles richtig. Die Kieselkamm-Trommel setzte zu früh ein. Ein Ventil pfiff. Der Ableiter zeigte versehentlich auf eine Regenwolke, die sich über dem Marktplatz entleerte. Die Händler waren empört, bis Enna erklärte, dass ein Fehler bei einer Übung besser sei als ein Fehler im Sturm.
Danach wiederholten sie den Ablauf. Jedes Teammitglied musste nicht nur die eigene Aufgabe kennen, sondern auch die der anderen erklären können. Leni lernte die Hebel. Jaro übte an den Ventilen. Enna stieg mit Mara zum Ableiter. Sogar Rasmus ließ sich zeigen, wie man eine Trommel stimmte.
Am Ende lief die Energie als sanfter goldener Bogen bis Windhafen. Keine Insel brauchte sie an diesem Tag. Deshalb leiteten sie den Wind in sieben kleine Speicher. Einer blieb am Turm, die anderen wurden verteilt. So konnte künftig jede Insel in einer Notlage helfen, ohne erst auf einen großen Sturm warten zu müssen.
Jaros neue Südkarte bekam am Rand ein besonderes Feld: Wissen von. Darunter standen nicht nur sein Name, sondern auch die Namen der Fährleute, Kinder und Händler, die ihre Beobachtungen beigetragen hatten. Er sagte, eine Karte werde nicht kleiner, wenn viele Menschen darauf Platz fanden.
Enna bewahrte den berühmten Bleistiftbolzen aus dem geretteten Postschiff auf. Sie setzte ihn in einen Glasrahmen im Werkhof. Jaro bestand auf einem Schild: Ehemals bester Bleistift. Enna ergänzte: Danach viel nützlicher.
Beim Fest der ersten Brise erklangen die sieben Töne der Morgenlaterne. Danach kam ein leises Grollen aus dem Süden. Kein gefährlicher Donner, sondern ein Gruß des Turms.
Leni hob die geheilte Hand. Sie hatte gelernt, dass Mut nicht bedeutete, keine Angst vor dem Blitz zu haben. Mut bedeutete, den Ableiter gemeinsam auszurichten, den Takt zu zählen und rechtzeitig um eine vierte Hand zu bitten.
Seitdem fürchtete sie Donner noch immer, aber niemals mehr allein.